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Der Blockchain-Hype-Zyklus: zum aktuellen Status quo

4.3.2019 / Falk Borgmann, Strategy Consultant, Deepshore GmbH

Der Blockchain-Hype-Zyklus: zum aktuellen Status quo

Haben Sie schon einmal etwas vom Gartner-Hype-Zyklus gehört?  Dabei geht es um den Grad der Aufmerksamkeit, den eine Technologie in der Öffentlichkeit generiert und wie sich diese im Laufe der Zeit verändert. Nach dem Gartner-Modell erfolgt mit der Einführung einer vielversprechenden Neuerung in der Regel das Rennen um die Technologieführerschaft und Deutungshoheit. Nach Überschreiten des Zenits – bis zu dessen Erreichen herrschen häufig unrealistische Erwartungen vor und werden ebensolche Versprechungen gemacht – folgt der Absturz in die Depression. Anschließend konsolidiert sich die Aufmerksamkeit auf ein vernünftiges Maß, das eher dem tatsächlich produktiven Nutzen einer Technologie entspricht. Der Gartner-Hype-Zyklus ist deshalb ein Modell, das sich geradezu perfekt auf den aktuellen Rummel rund um das Thema Blockchain adaptieren lässt.

Mit der Kryptowährung Bitcoin begann auch der Aufstieg von Blockchain – der Technologie hinter dem bekannten Internetgeld. Start-ups und Investoren lieferten sich zuweilen ein groteskes Rennen um die absurdesten Investments und Projekte. Keine noch so seltsam anmutende Vision war scheinbar bizarr genug, um es nicht zu schaffen, Geld mit fragwürdigen ICOs einzusammeln. Gegen Ende 2017 fand das völlig überhitzte Treiben seinen Gipfel in einem Bitcoin-Kurs von fast 20.000 US Dollar je Kryptocoin.

Heute erleben wir nach meiner Beobachtung den ersten signifikanten Knick des Hype-Zyklus. Aktuell siegt die Enttäuschung über die vielen nicht eingelösten Versprechen. Diese mündet für gewöhnlich darin, dass nun die ewigen Skeptiker zumindest temporär die Oberhand gewinnen. Anhand von konkreten Beispielen ist es in dieser Phase auch leicht möglich, gescheiterte Projekte zu finden, um damit die offensichtlichen Schwächen der Technologie zu entlarven. Denn in der unübersichtlichen Flut von Start-ups schafften es viele vermeidliche Visionäre nicht, ihre vollmundigen Ankündigungen einzuhalten. Und ex post lassen sich Fehler im Design oder der Implementierung immer ganz gut analysieren.

Insofern scheint die Achterbahn derzeit zuverlässig ins Tal der Ernüchterung zu rauschen – wie beim klassischen Hype-Zyklus. Einen wichtigen Indikator für die anstehende Konsolidierung im Blockchain-Segment stellte der ernsthaft beginnende Markteintritt der großen Softwarehäuser vor etwa zwei bis drei Jahren dar. Denn immer, wenn sich diese intensiv mit einem neuen Innovationsthema zu beschäftigen beginnen, ist der Zug bereits vor einer ganzen Weile ins Rollen gekommen. Ein Beispiel aus der Praxis liefert eine bedeutende und weltweit agierende IT-Firma, die auf Veranstaltungen stets wirksam mit über 500 erfolgreichen Blockchain-Projekten wirbt. Natürlich weiß jeder, der das hört oder liest, dass es sich hier um eine sehr fantasievolle Darstellung der Realität handelt. Nach dem ersten Hype beginnen die trainierten, aber gleichermaßen überforderten Berater dieser großen Softwarehäuser in der folgenden Flaute-Phase mittels disruptiver Fragen, die Ideen der Innovationsabteilungen von Unternehmen anzuzweifeln. Denn sie wissen, dass marktschreierische Behauptungen, die während der Hype-Phase durchaus zielführend erschienen, in der Phase der Konsolidierung nicht gerne gesehen, ja sogar verpönt sind. Da es ihnen selbst jedoch meist an tiefgreifender Beratungskompetenz, trotz der mehr als „500 erfolgreichen Projekte“, fehlt, konzentrieren sie sich auf das so genannte „Challenging“. Das ist ganz einfach: Wer ständig fragt, muss nicht antworten.

Was in der Konsolidierung ebenfalls eintritt, ist die Einsicht, dass auch eine Hype-Technologie immer nur so schlau ist, wie diejenigen, die sie implementieren. In der IT hat man es nun einmal nicht leicht: Schlechte Software, kann auch durch schlaue Mitarbeiter niemals gut werden. Und gute Software kann durch sinnfreie Implementierungen gleichermaßen zu schlechten Ergebnissen führen. Insofern ist davon auszugehen, dass sich innerhalb der nächsten zwei bis fünf Jahre der Blockchain-Markt dahingehend entwickelt, dass sich einige wenige Use Cases und Technologien etablieren. Nämlich genau diejenigen, bei denen der Einsatz einen echten Mehrwert zum technischen Status quo liefert. Nach der Konsolidierungsphase wird es sicherlich eine signifikante Zahl von Start-ups weniger geben, was der Entwicklung und Qualität von Lösungen aber nicht zum Nachteil gereichen sollte.

Bei einem Horizont von fünf bis zehn Jahren wird dann vermutlich niemand mehr aufgeregt und mit feuchten Händen von Blockchain sprechen. Es wird eher so sein, dass einzelne Lösungen durch Menschen oder Maschinen genutzt werden, ohne dass die breite Bevölkerung ansatzweise verstanden hätte, was im Hintergrund mit den Daten passiert. Wieso sollte es bei Blockchain auch anders sein, als es in den letzten Jahren auch schon bei Big Data oder Social-Media-Apps war? Ob sich der einstige Blockchain-Gedanke, die konsequente Dezentralisierung von IT-Lösungen, generell durchsetzen wird, bleibt aber abzuwarten. Gegenwärtig funktioniert unsere Gesellschaft nicht dezentral und ob eine Technologie diesbezüglich den Wandel einleiten kann und somit die Blockchain tatsächlich zum nächsten großen Evolutionsmotor nach dem Internet werden wird, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Aus unserem Special
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