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Supplychain und Blockchain heißen ähnlich – vertragen sich aber nicht so gut

10.4.2019 / Falk Borgmann, Strategy Consultant, Deepshore GmbH

Die Blockchain-Technologie wird alle Supplychains dieser Welt revolutionieren. Wir werden in Zukunft sofort wissen, ob ein Kfz-Ersatzteil gefälscht ist, das T-Shirt fair produziert wurde und das Steak von einer glücklichen Kuh stammt. Unternehmen können Container über die Weltmeere verschiffen und dabei auf die unsägliche Flut von Begleitpapieren verzichten. Der Zoll aller Länder muss keine Container mehr öffnen, denn er weiß, was überall geladen ist. Oder: „Let’s put smart to work™“, wie es eine große IT-Firma in diesem Zusammenhang ausdrückt.

Die Welt wird endlich smarter und besser für alle. Keiner kann uns mehr mit Plagiaten oder unfair produzierten Produkten betrügen. Ganz bestimmt nicht. Oder ist da doch eher der Wunsch der Vater des Gedankens? Sind die Probleme der meisten Supplychains am Ende vielleicht gar nicht technischer, sondern mehr organisatorischer Natur?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich glaube nicht, dass eine Blockchain die Supplychain revolutionieren kann. Ich glaube aber, dass sie Anstoß für einen Diskurs sein kann, an dessen Ende etwas Besseres in vielen Bereichen der Supplychain entsteht, als im Status quo: gewissermaßen die Blockchain als Initialzündung, um sich mit Problemen zu beschäftigen, und gleichzeitig als Lösungskatalysator. Eins ist jetzt schon sicher: Ein alleiniger Heilsbringer ist sie nicht.

Auf den ersten Blick eignet sich Blockchain als Technologie natürlich perfekt für die Use-Case-Rückverfolgbarkeit und die transparente Supplychain. Beide Worte beinhalten schließlich „Chain“, also muss es wohl passen. Und was bei Bitcoin gut funktioniert, müsste beim Warenhandel doch auch funktionieren. Aber was macht Bitcoin eigentlich? Diese älteste Implementierung einer Blockchain transferiert in erster Linie digitale Assets. Also Coin 1 von Person A zu Person B. Und das Netzwerk schaut zu bzw. bestätigt diese Transaktion öffentlich. Am Ende des Tages steht eine klassische Überweisung, ohne Bank als Intermediär. An genau dieser Stelle stoßen wir auch bereits auf das erste Problem, mit dem sich Supplychain-Implementierungen im Bereich von Lieferketten herumschlagen müssen. Denn die Daten einer Supplychain entstehen außerhalb des Blockchain-Ökosystems. Bitcoin ist im Vergleich dazu ein vollständig abgeschlossenes Datensystem. Ein Bitcoin kann an Börsen zwar in Euro getauscht werden, aber technisch niemals eine Bitcoin-Wallet und damit das System verlassen. Er ist also nichts anderes als ein Datensatz, der innerhalb seines eigenen Ökosystems entsteht, existiert und auch nur dort einen Wert hat.

Warum sollte das ein Problem sein? Nutzt man eine Blockchain nur dafür, um die Echtheit eines Datensatzes zu verifizieren, dann könnte eine Blockchain (egal ob public oder private) als einfacher Verifikationsservice relativ simpel unter die bestehenden Logistiksysteme dieser Welt geschaltet werden. Jedes System wäre in der Lage, Daten in eine Blockchain zu schreiben und diese oder andere von dort auch wieder zu lesen. Das könnte sicherlich einen Mehrwert liefern, hätte jedoch den Nachteil, dass sich jeder aktive Teilnehmer seinen eigenen technischen Zugang (Schnittstelle) vom bestehenden Logistik-/Produktionssystem implementieren müsste. Es würden zwangsläufig viele technische Inseln um die Blockchain herum entstehen. Die heutigen Probleme einer häufig mangelnden kontinuierlichen und auch qualitativ hochwertigen Datenversorgung wären dadurch nicht gelöst. Shit in – shit out. Oder nothing in – nothing out. Und wir sprechen an dieser Stelle noch nicht einmal von Fälscherbanden oder sonstigen Betrügern, die ohnehin ein Interesse haben, Fake-Daten in ein System zu schreiben.

Dieser Ansatz kann also keine sinnvolle Lösung sein, es sei denn, jemand kann plausibel erläutern, warum die Protagonisten derzeitiger Versorgungsketten ihre vorgelagerten Prozesse, Systeme und Arbeitsweisen plötzlich ändern sollten, sodass die heutigen Informationslücken sich auf einmal schließen. Nur, weil dann Blockchain draufsteht? Wohl kaum.

Kann es überhaupt besser gehen? Theoretisch ja. Jedoch funktioniert das nur, wenn man mehr fachliche Logik in dem Blockchain-System selbst hätte.

Bei der Abbildung einer Supplychain werden permanent Daten produziert, die zum Beispiel zu einem Produktionsvorgang oder zu einem Transport gehören. Die Informationen entstehen also außerhalb des Blockchain-Ökosystems, müssen aber im Blockchain-Ökosystem verarbeitet werden, um dort ihren Nutzen zu entfalten – und zwar immer dann, wenn sie sich entwickeln. Welche Logik soll aber innerhalb der Blockchain diese Daten zusammenführen und weiterbearbeiten? Es gäbe dann in der Supplychain kaskadierende Ereignisse außerhalb des Systems, die Prozesse innerhalb der Blockchain auslösten, bzw. die, einmal ausgelöst, auch weiterleben müssten. Fachlich könnte man sich beispielsweise einen Transport als logische Klammer mit den zugehörigen Begleitpapieren und Informationen vorstellen. Also Frachtbriefe, Ladelisten, Zolldokumente, gegebenenfalls sogar ein Versandstatus etc. Aber wer bildet diese Klammer, anhand welcher Logik und in welchem System? Sinnvoll wäre sicherlich der einheitliche Blick auf die Blockchain, sodass jeder von außen dasselbe sieht. Oder sollen alle Teilnehmer die Informationen in der Blockchain autark sammeln und interpretieren?

Wir sprechen hier also nicht von einem einfachen und relativ primitiven Funktionsaufruf, wie einer klassischen „Wenn/dann“-Bedingung, sondern von echten technischen Services, die autark auf veränderte Datenlagen reagieren könnten. Das ist deutlich mehr Logik als bei Bitcoin und mit Sicherheit mehr, als die hochgelobten Smart Contracts heute in der Lage sind zu liefern. Es geht um einen Komplexitätsgrad, dessen fachlicher Anspruch in der Nähe von klassischen TMS (Transport-Management-Systeme) oder ERP-Systemen anzusiedeln ist. Wer traut sich zu, so etwas mit Blockchain zu programmieren? Sollte das ein großes Softwarehaus übernehmen und auch gleichzeitig entsprechende Wartung zum System verkaufen? Dann sind alle von diesem einen Anbieter abhängig, was nichts anderes bedeutet, als vom Regen in die Traufe zu kommen. Oder wer haftet denn für Fehler in diesem System, wenn sich als Alternativmodell zum großen Softwarehaus die öffentliche Community um die Herstellung und Systemwartung kümmert? Welcher Logistiker ist in dem Fall bereit, seine eigenen Systeme zugunsten eines neuen verteilten Zentralservices zurückzufahren? Nein, ich glaube, wir sind noch sehr weit von der Lösung dieser Probleme entfernt.

Am Ende darf auch die Frage erlaubt sein, welcher Kunde an der Kasse bereit ist, mehr zu bezahlen, wenn ein Produkt auf den ersten Blick transparent und rückverfolgbar ist, aber gleichzeitig keine Instanz garantierten kann, dass alle Informationen im System absolut valide sind. Gäbe es diese Garantie durch eine Instanz, würde ein dezentrales System ohne Master (Blockchain) keinen mehr Sinn ergeben.

Und im Falle einer Konsortiallösung müssten sich die Teilnehmer nach aktuellem Recht immer vor dem Tag fürchten, an dem eine umfassende Systemlösung durch einen unwilligen Verweigerer mittels kartellrechtlicher Einwände torpediert würde.

Aus unserem Special
»BLOCKCHAIN: COMPLIANCE FÜR DIE BUSINESS CLOUD«
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