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Von Geld, Coins und Stable Coins

1.7.2019 / Falk Borgmann, Strategy Consultant, Deepshore GmbH

Die Euphorie ist immer noch groß. Krypto-Coins und Token faszinieren mittlerweile nicht nur technische Sonderlinge, sondern auch eine breite Masse von Finanzunternehmen, Investoren, Start-ups und Banken. Aus einer kleinen Gruppe von Enthusiasten, die mit Bitcoin die Finanzmärkte der Welt etwas demokratischer und fairer machen wollten, ist ein unübersichtliches Wirrwarr ganz unterschiedlicher Player und Stakeholder geworden. Ich selbst habe schon lange den Versuch aufgegeben, einen umfassenden Überblick zu behalten.

Regelmäßig finden neue Ideen, Kooperationen und Ansätze ihren Weg in die Öffentlichkeit, die uns stets versprechen, etwas einfacher, schneller und billiger zu machen. Ein Beispiel, das ich heute etwas näher beleuchten möchte, sind die sogenannten Stable Coins.

Was ist das überhaupt? Zunächst muss zwischen einem Coin und einem Token unterschiedenen werden. Bei einem Coin (zum Beispiel Bitcoin oder Ether) handelt es sich um eine Währung, also dem Geld eines klassischen Blockchain-Systems. Es kann zu Zahlungen zwischen Teilnehmern des Netzwerkes verwendet werden. Ein Coin verlässt dabei technisch niemals das System, sondern existiert immer in seinem eigenen Ökosystem. Man könnte sich als Metapher auch ein Dorf unter einer riesigen Käseglocke vorstellen, dessen Einwohner alle Waren- und Dienstleistungstransaktionen mit einer eigenen Dorfwährung bezahlen. Außerdem gäbe es unter dieser Käseglocke auch keine Bank als Intermediär.

Ein Token dagegen hat kein eigenes Ökosystem, sondern nutzt eine bereits existierende Blockchain-Infrastruktur als Lebensraum. Im Gegensatz zu einem Coin, der ausschließlich als Zahlungsmittel unter der Käseglocke dient, kann ein Token differenzierter verwendet werden. Die Ausgabe von Gutscheinen (zum Beispiel für Dienstleistungen) durch ein Unternehmen wäre vergleichbar mit den bis 2017 bekannten Initial Coin Offerings (ICO – häufig in der Form sogenannter Utility Token). Security Token sind vergleichbar mit Wertpapieren. Sie geben also Investoren sehr ähnliche Rechte, wie sie Aktionäre in einem börsennotierten Unternehmen haben. Deshalb müssen Prozesse, die wie ein traditioneller Börsengang mit Aktien funktionieren, die sogenannten Security Token Offerings (STO), von Aufsichtsbehörden, in Deutschland dem BAFin, genehmigt werden.

Sowohl Token als auch Coins haben außerhalb des Käseglocken-Kosmos nur einen Wert, wenn sie in eine gültige Währung außerhalb dieses Ökosystems getauscht werden, da sie technisch das System ja nicht verlassen können. Der Coin-Wert, den wir heute in Geldeinheiten einer beliebigen Fiatwährung1 messen, entsteht also dummerweise nicht ausschließlich unter der Käseglocke.1 Seinen Wert generiert ein Coin maßgeblich durch die nachgefragte Menge außerhalb der Käseglocke bzw. durch die korrespondierende verfügbare Menge an Coins innerhalb des Systems. Ergo existiert ein Coin-Ökosystem heute nicht autark, sondern kann und wird von außen beeinflusst – zum Beispiel durch Kryptobörsen und die Mining-Power einzelner Teilnehmer. Das autarke und demokratische Coin-System gibt es also in der Form nicht.

Das Dilemma der Coins

Die einstige Bitcoin-Vision von mehr Selbstbestimmung auf den Finanzmärkten und direkter Demokratie wurde durch die Mechanismen unseres Wirtschaftssystems und dem freien Zugang zum System überrannt. Eine Mutation des Bitcoin als demokratisches Zahlungssystem hin zum Spekulationsobjekt jener Finanzjongleure, deren Macht und Einfluss eigentlich gebrochen werden sollte, hat den altruistischen Grundgedanken der Erfinder zerstört. An dieser Stelle tritt die große Schwachstelle eines öffentlichen Krypto-Geld-Systems deutlich zutage. Man kann diejenigen nicht einfach ausschließen, die man eigentlich gar nicht dabeihaben möchte. Und die Nachfrage regelt auch bei Bitcoin den Preis.

Das Problem wurde erkannt und es gibt bereits Ideen, diesbezüglich Abhilfe zu schaffen. Unter anderem auch das Konzept des Stable Coin. Die Idee ist relativ einfach: eine Internetwährung, nur mit dem Unterschied, dass ein Stable Coin an einen realen Wert wie eine Währung oder einen Rohstoff gekoppelt ist. Man verspricht sich davon, Spekulationen und die daraus resultierenden Kursschwankungen – wie sie bei Bitcoin zu beobachten sind – zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Quasi eine stabile Kryptowährung.

Das Konstrukt scheint auf den ersten Blick vielversprechend, funktioniert aber nur, wenn zwei grundlegende Annahmen erfüllt sind:

  1. Die an den Stable Coin geknüpfte Währung ist stabil.
  2. Der Anbieter des Stable Coins kann immer die Parität zwischen Coin und Währung gewährleisten.

Nehmen wir als Beispiel einmal den Euro. In der Zeit der Finanz- und Schuldenkrise vor einigen Jahren, wurde jedem klar, dass keine Währung der Welt absolute Sicherheit vor massiven Währungsspekulationen bietet. Denn unser Geld ist schon lange nicht mehr durch die reale Wirtschaftsleistung gedeckt, sondern existiert vor allem in der Form von Buchgeld, hauptsächlich auf dem Kontoauszug und in unseren Köpfen. Geht dieser fundamentale Glaube aufgrund gezielter Spekulationen gegen ein Land und seine Währung teilweise verloren, sind extreme Kursschwankungen nur eine mögliche Folge. Die erste Annahme funktioniert also genau so lange, bis die Spekulanten dieser Welt sich auf eine Währung stürzen, die einem Stable Coin ihren Wert gibt. Das Einzige, worauf man sich hier definitiv verlassen kann, ist, dass die Mechanismen der Währungsspekulation direkt in die Kryptowelt transferiert werden. Ein Stück alte Welt – nur jetzt mit Blockchain.

Noch spannender als der erste Aspekt ist allerdings die Frage nach dem Anbieter eines Stable Coins. Nehmen wir Tether als den wohl bekanntesten Vertreter der Stable Coins. Der Anbieter der an den US-Dollar geknüpften Währung behauptet, dass jeder Coin durch einen echten US-Dollar gedeckt sei, hat aber in jüngster Vergangenheit zugeben müssen, dass dies nicht vollständig korrekt ist, sondern vielmehr der Wert auch durch andere „Assets“ gedeckt ist. Beweise, die diese Aussage untermauern, gibt es nicht, allerdings auch keine Gegenbeweise. Man muss diesem Anbieter einfach vertrauen! Die Nutzer eines Stable Coins sollten sich darüber klar sein, dass sie einem unregulierten Geld-Produkt vertrauen, dessen Vermarkter behauptet, sicher zu sein. Hier gibt es keine zentrale Ausfallversicherung, Kontrollinstanz und auch kein Netzwerk, das Transaktionen oder Vermögen absichert (wie bei Bitcoin). Letzten Endes handelt es sich um einen neuen und vollständig unregulierten Finanzintermediär im Kryptogewand. Somit ist auch ein hundertprozentiger Verlust von getauschten Einlagen durchaus denkbar.


1 Fiatwährungen wie der Euro haben nur einen Wert durch ihre Bewertung und sind nicht durch z. B. Gold abgesichert. So war der Dollar bis 1973 direkt an die Goldreserven gebunden: https://www.godmode-trader.de/artikel/goldstandard-wie-die-usa-den-groessten-betrug-aller-zeiten-begingen,4834081

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